Das moderne Marokko unter Mohammed VI.
König Hassan II. (reg. 1961–1999) führte Marokko durch turbulente Jahrzehnte — den Kalten Krieg, gescheiterte Putschversuche (1971 und 1972), die Westsahara-Krise und die „Bleiernen Jahre" der politischen Repression. Sein Sohn Mohammed VI., der 1999 den Thron bestieg, leitete eine vorsichtige Modernisierung ein, die das Land grundlegend veränderte.
Die Mudawwana-Reform von 2004 revolutionierte das Familienrecht: Frauen erhielten das Recht auf Scheidung, Polygamie wurde stark eingeschränkt, und das Mindestheiratsalter auf 18 Jahre angehoben. Die Amazigh-Sprache (Berberisch) wurde 2011 als zweite Amtssprache in die Verfassung aufgenommen — ein historischer Schritt für die Anerkennung der Berberidentität. Im gleichen Jahr, während des Arabischen Frühlings, reagierte Mohammed VI. mit einer neuen Verfassung, die dem Parlament mehr Macht gab und die Unabhängigkeit der Justiz stärkte.
Wirtschaftlich setzt Marokko auf ehrgeizige Großprojekte: der Hafen Tanger Med (einer der größten Afrikas), der Hochgeschwindigkeitszug Al Boraq (Tanger–Casablanca in 2:10h, der erste in Afrika), das Solarkraftwerk Noor-Ouarzazate (eines der weltweit größten) und massive Investitionen in Tourismus, Automobilindustrie und erneuerbare Energien. Das Land positioniert sich als Brücke zwischen Europa und Afrika.
Dennoch bleiben Herausforderungen: Die Kluft zwischen dem modernen, urbanen Marokko (Casablanca, Rabat, Tanger) und dem ländlichen Hinterland ist groß. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 25%, die Alphabetisierungsrate auf dem Land bei unter 60%, und die sozialen Proteste im Rif (Hirak-Bewegung 2016–2017) zeigten, dass Modernisierung und Teilhabe nicht überall gleichermaßen ankommen. Marokko ist ein Land im Umbruch — zwischen Tradition und Aufbruch, Monarchie und Demokratie, Orient und Okzident.
💡 Tipp
Das Nationalmuseum für Geschichte und Zivilisationen in Rabat bietet einen hervorragenden Überblick über alle Epochen Marokkos — von prähistorischen Funden über römische Bronzen bis zur islamischen Kunst. Eintritt: 20 MAD.