Islam im marokkanischen Alltag
Marokko ist ein sunnitisch-malikitisches Land, und der Islam durchdringt den Alltag auf eine Weise, die für europäische Besucher zunächst ungewohnt sein kann — aber selten aufdringlich ist. Der Gebetsruf (Adhan) ertönt fünfmal täglich von den Minaretten und gehört zur Klangkulisse jeder Stadt: der erste um 5:00 Uhr morgens (Fajr), der letzte nach Sonnenuntergang (Isha). Für Reisende in Medina-Riads wird der frühmorgendliche Gebetsruf zum akustischen Wecker — Ohrstöpsel gehören ins Gepäck.
Moscheen sind für Nicht-Muslime gesperrt — die einzige Ausnahme ist die monumentale Hassan-II.-Moschee in Casablanca, die geführte Besichtigungen anbietet. Koranschulen (Medersas) hingegen sind oft als Museen zugänglich und zeigen die prächtigste islamische Architektur des Landes. Die marokkanische Glaubenspraxis ist von Sufismus und Heiligenverehrung geprägt — im ganzen Land finden sich Zaouias (Schreine) lokaler Heiliger, die als Orte der Segnung (Baraka) verehrt werden.
Der Ramadan, der neunte Monat des islamischen Kalenders, verändert das Land grundlegend. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wird weder gegessen noch getrunken noch geraucht — und das gilt gesellschaftlich auch für Nicht-Muslime (öffentliches Essen tagsüber ist tabu und kann zu Polizeiproblemen führen). Die Tage sind ruhig und verlangsamt, viele Geschäfte öffnen spät. Dafür explodiert das Leben nach dem Iftar (Fastenbrechen bei Sonnenuntergang): Die Straßen füllen sich, Familien versammeln sich zum gemeinsamen Essen, und die Nächte werden zu Festnächten mit Musik, Einkaufen und geselligem Beisammensein bis in die frühen Morgenstunden.
Alkohol ist in Marokko legal, aber gesellschaftlich ambivalent. In touristischen Restaurants, Hotels und Bars wird Bier (Flag, Casablanca) und Wein (hervorragende Rotweine aus der Region Meknès!) ausgeschenkt. In den Medinas und auf dem Land ist Alkohol hingegen kaum sichtbar. Marokkaner trinken — wenn überhaupt — diskret. Öffentliche Trunkenheit ist strafbar und wird gesellschaftlich stark verurteilt. Während des Ramadan ist der Alkoholverkauf stark eingeschränkt.
💡 Tipp
Wenn du während des Ramadan reist (Daten wechseln jährlich — 2026: ca. 18. Februar bis 19. März), erlebst du Marokko von seiner authentischsten Seite. Abends nach dem Iftar pulsiert das Leben in den Medinas wie zu keiner anderen Zeit. Tagsüber respektiere das Fastengebot: iss und trink nur im Hotelzimmer oder in speziell für Touristen geöffneten Restaurants.