Französisches Protektorat & Unabhängigkeit
Am 30. März 1912 unterzeichnete Sultan Abdelhafid den Vertrag von Fes, der Marokko zum französischen Protektorat machte — offiziell keine Kolonie, de facto aber eine Fremdherrschaft, die 44 Jahre dauern sollte. Spanien erhielt den Norden (Rif-Gebiet) und den Süden (Tarfaya/Ifni), Tanger wurde zur internationalen Zone. Generalresident Hubert Lyautey, ein ungewöhnlicher Kolonialbeamter, ordnete an, die historischen Medinas zu erhalten und die europäischen Neustädte (Villes Nouvelles) daneben zu bauen — eine Entscheidung, der wir die heutige Erhaltung der Altstädte verdanken.
Der Widerstand gegen die Protektoratsmacht war von Anfang an stark. Im Rif-Gebirge führte Abdelkrim el-Khattabi 1921–1926 einen brillanten Guerillakrieg gegen Spanien und Frankreich, gründete die kurzlebige Rif-Republik und inspirierte Unabhängigkeitsbewegungen in der ganzen kolonialen Welt — von Ho Chi Minh bis Che Guevara studierten seine Taktiken. Erst der Einsatz von über 400.000 französischen und spanischen Soldaten und (völkerrechtswidrigem) Giftgas zwang ihn in die Kapitulation.
Die marokkanische Unabhängigkeitsbewegung (Istiqlal-Partei, gegründet 1944) gewann nach dem Zweiten Weltkrieg an Dynamik. Als die Franzosen 1953 Sultan Mohammed V. ins Exil nach Madagaskar verbannten, explodierten die Proteste. Mohammed V. wurde zum Nationalhelden — sein Exil schweißte Araber und Berber, Nationalisten und Konservative zusammen. Am 2. März 1956 erlangte Marokko die Unabhängigkeit. Mohammed V. kehrte als König zurück, und der Tag seiner Rückkehr wird bis heute als Nationalfeiertag begangen.
Die koloniale Ära hinterließ tiefe Spuren: die französische Sprache als Bildungs- und Geschäftssprache, die Stadtplanung mit der Trennung von Medina und Ville Nouvelle, das Rechtssystem und eine Infrastruktur, die Marokko mit Europa verband. Gleichzeitig verdrängte sie lokale Sprachen und Traditionen und schuf wirtschaftliche Abhängigkeiten, die bis heute nachwirken.