Die unglaubliche Besiedlungsgeschichte
Madagaskars Besiedlungsgeschichte ist eine der erstaunlichsten Geschichten der Menschheit. Die Insel liegt 400 km vor der afrikanischen Küste — aber ihre ersten Bewohner kamen nicht aus Afrika, sondern aus Südostasien, über 6.000 km entfernt.
Die Austronesier (vor ca. 2.000 Jahren)
Vor etwa 1.500–2.000 Jahren erreichten austronesische Seefahrer aus dem heutigen Borneo und Sulawesi (Indonesien) in Auslegerbooten den Indischen Ozean — eine der längsten Seewanderungen der Geschichte. Sie brachten den Reisanbau, die Auslegerboote (Piroguen), die Sprache (Malagasy ist mit Malaiisch verwandt, nicht mit afrikanischen Sprachen!) und Kulturpflanzen wie Bananen, Taro und Kokosnuss mit.
DNA-Analysen bestätigen: Etwa 50% des Genpools der heutigen Madagassen ist austronesisch, 50% afrikanisch (Bantu). Im Hochland, bei den Merina und Betsileo, überwiegt der asiatische Einfluss — erkennbar an den Gesichtszügen, der Reiskultur und den Reisterrassen, die an Bali erinnern. An der Küste überwiegt der afrikanische Einfluss.
Spätere Einwanderungswellen
Ab dem 8. Jahrhundert kamen Bantu-Völker aus Ostafrika, arabische Händler brachten den Islam in die Küstenregionen, und indische Kaufleute hinterließen Spuren im Handel. Im 17./18. Jahrhundert nutzten europäische Piraten die Ostküste als Basis — die Île Sainte-Marie war ein berüchtigtes Piraten-Hauptquartier.
Das Königreich Madagaskar
Im 18. Jahrhundert gelang es König Andrianampoinimerina (1787–1810), das Merina-Volk zu vereinen und die Kontrolle über das zentrale Hochland zu gewinnen. Sein Sohn Radama I. (1810–1828) dehnte das Königreich auf fast die gesamte Insel aus und öffnete Madagaskar für europäische Missionare und Diplomaten.
Bemerkenswert: Madagaskar wurde über weite Strecken von mächtigen Königinnen regiert. Ranavalona I. (1828–1861) ist die berühmteste — eine Herrscherin, die alle Europäer vertrieb, das Christentum verbot und Madagaskar mit eiserner Hand unabhängig hielt. Im Westen wird sie oft als „grausame Königin" dargestellt, in Madagaskar gilt sie vielen als Verteidigerin der Souveränität.
Französische Kolonialzeit (1896–1960)
1896 wurde Madagaskar zur französischen Kolonie. Die letzte Königin Ranavalona III. wurde nach Algerien ins Exil verbannt. Die Kolonialzeit brachte Infrastruktur (Eisenbahn, Straßen), aber auch Zwangsarbeit, Landenteignung und kulturelle Unterdrückung. Der Aufstand von 1947 wurde brutal niedergeschlagen — bis zu 100.000 Madagassen starben.
Unabhängigkeit (26. Juni 1960)
Am 26. Juni 1960 wurde Madagaskar unabhängig. Die Jahrzehnte danach waren geprägt von politischer Instabilität, Militärputschen und wirtschaftlichem Niedergang. Heute ist Madagaskar eines der ärmsten Länder der Welt — trotz seines unglaublichen Naturreichtums. 75% der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze.