Venezianer, Osmanen & Freiheitskampf
Byzantinische Zeit (395–1204)
Nach der Teilung des Römischen Reiches gehörte Kreta über 800 Jahre zum Byzantinischen Reich. Im 9. Jahrhundert eroberten sarazenische Piraten die Insel (827–961) und gründeten „Rabdh el-Khandaq" (Festungsgraben) — das heutige Heraklion. Die Rückeroberung durch den byzantinischen General Nikephoros Phokas 961 war eines der dramatischsten Ereignisse des Frühmittelalters.
Venezianische Herrschaft (1204–1669)
Nach dem Vierten Kreuzzug fiel Kreta an Venedig — der Beginn von 465 Jahren venezianischer Herrschaft, die die Insel grundlegend prägte. Die Venezianer nannten Kreta „Regno di Candia" (Königreich Candia) und machten es zum Juwel ihres Mittelmeer-Imperiums:
- Architektur: Die venezianischen Häfen von Chania und Rethymno, die Festung Koules in Heraklion, die Fortezza von Rethymno, unzählige Stadtpaläste, Loggien und Brunnen — sie alle stammen aus dieser Ära.
- Kunst: Die Kretische Schule der Ikonenmalerei blühte unter venezianischem Einfluss. Ihr berühmtester Vertreter: Domenikos Theotokopoulos — besser bekannt als El Greco, geboren 1541 in Heraklion.
- Sprache: Das kretische Epos „Erotokritos" von Vitsentzos Kornaros (um 1600) — die wichtigste Dichtung der kretischen Renaissance, ein Liebesepos in Versen, das noch heute auf Kreta rezitiert wird.
Osmanische Herrschaft (1669–1898)
Nach einer 21-jährigen Belagerung (1648–1669) — der längsten Belagerung der Geschichte — fiel Heraklion an die Osmanen. Die venezianischen Christen verließen die Stadt, Moscheen wurden errichtet, und Kreta versank in eine dunkle Zeit. Doch die Kreter rebellierten unaufhörlich: Über 30 Aufstände in 230 Jahren, der bekannteste 1866, als sich 900 Kreter im Kloster Arkadi selbst in die Luft sprengten, anstatt sich zu ergeben. Das Massaker erregte internationales Entsetzen und machte die „Kretische Frage" zum europäischen Thema.
Autonomie und Vereinigung mit Griechenland
1898 wurde Kreta autonom (unter einem griechischen Prinzen als Gouverneur), 1913 vereinigte sich die Insel offiziell mit Griechenland. Der kretische Politiker Eleftherios Venizelos (aus Chania) wurde Ministerpräsident Griechenlands und einer der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts. Im Zweiten Weltkrieg war Kreta Schauplatz der berühmten Schlacht um Kreta (Mai 1941): Deutsche Fallschirmjäger landeten bei Maleme, Rethymno und Heraklion und eroberten die Insel trotz erbittertem Widerstand der Bevölkerung — ein traumatisches Kapitel, das bis heute im Gedächtnis der Kreter lebt.