StartseiteReiseführerIslandLand & LeuteGesellschaft & Gleichberechtigung
Land & Leute · Abschnitt 2/2

Gesellschaft & Gleichberechtigung

🇮🇸 Island Reiseführer

Land & Leute|
VerstehenGesellschaft & Gleichberechtigung

Gesellschaft & Gleichberechtigung

Eine einzigartige Gesellschaft

Island ist eine faszinierend eigenartige Gesellschaft — und die Isländer sind stolz darauf. Mit nur 390.000 Einwohnern (weniger als Wuppertal!) kennt praktisch jeder jeden, und die Gesellschaft funktioniert nach eigenen Regeln:

Gleichberechtigung — Weltmeister seit über einem Jahrzehnt

Island ist laut dem Global Gender Gap Report des World Economic Forum das gleichberechtigtste Land der Welt — seit über einem Jahrzehnt ununterbrochen auf Platz 1. Das kommt nicht von ungefähr:

  • 1975: Der „Frauen-Freitag" (Kvennafrídagurinn): Am 24. Oktober 1975 streikten 90% der isländischen Frauen — sie gingen nicht zur Arbeit, kochten nicht, beaufsichtigten keine Kinder. Das Land stand buchstäblich still. Schulen schlossen, Fabriken stoppten, Männer mussten ihre Kinder mit zur Arbeit nehmen (der Tag wurde zum „Langen Freitag" für Männer). Der Streik war ein Wendepunkt und elektrisierte die Gleichberechtigungsbewegung weltweit
  • 1980: Island wählt Vigdís Finnbogadóttir zur Präsidentin — die erste demokratisch gewählte Präsidentin der Welt. Sie blieb 16 Jahre im Amt (4 Wahlperioden) und wurde zur Ikone
  • 2010: Island verbietet Stripclubs — als erstes Land weltweit aus feministischen Gründen (nicht aus religiösen)
  • 2018: Island führt als erstes Land der Welt ein Gesetz zur gleichen Bezahlung für gleiche Arbeit ein. Unternehmen mit 25+ Mitarbeitern müssen nachweisen, dass sie Männer und Frauen gleich bezahlen — sonst drohen Strafen
  • Elternzeit: 6 Monate für jeden Elternteil (nicht übertragbar!) + 6 Wochen gemeinsam. Väter nehmen ihre Elternzeit tatsächlich — über 90% der isländischen Väter gehen in Elternzeit

Das Namenssystem — keine Nachnamen

Isländer haben keine Nachnamen im europäischen Sinne. Stattdessen tragen sie Patronyme (oder seit 2019 auch Matronyme): Der Nachname ist der Vorname des Vaters (oder der Mutter) + „son" (Sohn) oder „dóttir" (Tochter).

Beispiel: Björks vollständiger Name ist Björk Guðmundsdóttir — „Björk, Tochter von Guðmundur". Ihr Sohn heißt Sindri Eldon Þórsson — er hat einen ganz anderen „Nachnamen". Geschwister können unterschiedliche „Nachnamen" haben, wenn sie einen patronymen und einen matronymen wählen.

Konsequenzen dieses Systems:

  • Im isländischen Telefonbuch stehen alle Einträge nach Vornamen sortiert — ein „Pétursson" hilft nicht, wenn es hunderte davon gibt
  • Jeder wird mit dem Vornamen angesprochen — auch der Präsident, der Premierminister und dein Arzt
  • Seit 2019 gibt es die Möglichkeit, statt „son"/„dóttir" das geschlechtsneutrale Suffix „bur" zu verwenden
  • Es gibt ein offizielles Namenskomitee (Mannanafnanefnd), das neue Vornamen genehmigen muss — sie müssen isländisch deklinierbar sein und den Lautregeln der Sprache entsprechen

Keine Armee

Island hat keine eigene Armee — als einziges NATO-Mitglied. Die Küstenwache (Landhelgisgæslan) mit nur 3 Schiffen übernimmt Sicherheitsaufgaben und „gewann" damit die Kabeljau-Kriege gegen die britische Royal Navy. Island verlässt sich auf die NATO-Bündnisverteidigung. Das Verteidigungsbudget fließt stattdessen in Bildung und Gesundheit.

Huldufólk — Elfen und verstecktes Volk

Umfragen zeigen, dass ein erstaunlich hoher Anteil der Isländer (Schätzungen variieren zwischen 10% und 54%, je nach Fragestellung) die Existenz von Huldufólk (verstecktes Volk/Elfen) nicht kategorisch ausschließt. Ob das ernst gemeint ist oder typisch isländischer trockener Humor, bleibt Interpretationssache. Fakt ist:

  • Straßenbauprojekte wurden schon umgeleitet oder verschoben, um „Elfensteinen" (große Felsen, in denen Huldufólk leben sollen) auszuweichen — zuletzt 2013 beim Bau einer Straße in Álftanes
  • Es gibt eine offizielle Elfenbeauftragte (Erla Stefánsdóttir, verstorben 2015), die bei Bauvorhaben konsultiert wurde
  • Die Elf School (Álfaskólinn) in Reykjavík bietet Kurse über isländische Folklore und Elfenkunde an — halb ernst, halb humorvoll, ganz isländisch
  • Die Huldufólk-Tradition hat tiefe kulturelle Wurzeln: In einer kargen, isolierten Landschaft, in der Vulkane, Erdbeben und Winterstürme das Leben ständig bedrohen, ist der Glaube an unsichtbare Kräfte in der Natur eine natürliche Reaktion

Literatur & Sagas

Island hat die höchste Buchveröffentlichungsrate pro Kopf der Welt — mehr Bücher pro Einwohner als jedes andere Land. Die Tradition reicht zurück bis zu den Isländersagas (Íslendingasögur), die im 13. und 14. Jahrhundert geschrieben wurden und zu den bedeutendsten literarischen Werken des Mittelalters gehören.

Die Sagas erzählen von der Besiedlung Islands, von Familienfehden, Liebe, Rache und Heldentum — in einem nüchternen, modernen Stil, der auch nach 800 Jahren überraschend lesbar ist. Die bekanntesten: Njáls Saga (die längste und dramatischste), Egils Saga (über den Wikinger-Dichter-Krieger Egill Skallagrímsson), Laxdæla Saga (eine Liebesgeschichte) und Grettis Saga (über den Geächteten Grettir).

Isländer können die Sagas im Original lesen — die Sprache hat sich in 1.000 Jahren so wenig verändert, dass mittelalterliches Isländisch für moderne Isländer verständlich ist. Das ist etwa so, als könnte ein Deutscher das Nibelungenlied im Original lesen (was bekanntlich kaum möglich ist).

Zu Weihnachten ist der Jólabókaflóð (Weihnachts-Bücherflut) eine geliebte Tradition: Am Heiligabend schenken sich Isländer Bücher und verbringen den Abend mit Lesen und Schokolade.

Reise nach Island planen

* Partnerlinks – bei Buchung erhalten wir eine Provision, ohne Mehrkosten für dich